Helmut  Saiger: Wenn es um Zukunft geht ...

 

 

Der Mensch als Schöpfergeschöpf

- Gegen Zukunftsangst -

 

 

  

 

 

 

Erste Gedanken zum neuen Buchprojekt:

 

Pessimismus zum menschlichen Fortschritts-Handeln nimmt seit geraumer Zeit zu. Beispielsweise mit Aussagen wie: "Es wäre besser für die Natur, wenn es die Menschen gar nicht erst gäbe." Oder: "Man müsse die Menschen vor sich selbst schützen."  Macht sich Pessimismus breit, ist (Tugend-) Diktatur nicht weit oder rechtsgerichtete Politik-Bewegungen, die in die Vergangenheit zurück wollen. Wenn man optimistisch oder pessimistisch ist, was die Gattung Mensch ausmacht, dann muss man über die Menschen nachdenken.

 

Ich habe mich immer wieder gefragt: Was macht eigentlich die Gattung Mensch speziell aus? Denn irgendetwas muss sie ja ausmachen als Geschöpf, sonst wäre sie ja überflüssig im Zusammenspiel der Natur. Dass der Mensch auf zwei Beinen stehen kann? Dass er freien Willen hat? Dass er von Gott Gesuchter und von Teufel Versuchter ist? Ein Sehnsuchtvoller, der seine Unvollkommenheit überwinden und sich selbst optimieren will? Ein nach Werten, Glück und Tugend Strebender?

Sich nach Liebe und Angenommensein Sehnender ohne Vorbedingungen (Luther)?

Die Krone der Schöpfung im Baum der Evolution? Oder nur ein Experiment der Evolution, ein Irrtum der Natur, der Natur zerstört, es also besser wäre für Natur und Erde, dass es die Menschen gar nicht erst gäbe?
 

These: Den Menschen macht aus, dass er ein Schöpfergeschöpf und Kulturenbauer ist. Schauen wir uns mal einfach einige besondere menschlichen Eigenschaften an: Fantasie (was ist vorstellbar?), Träume (was wäre schön?), Werte (was soll sein?) und Verstand (wie könnte es funktionieren?).

 

Der Mensch ist in besonderem Maß mit Fantasie, Träumen, Werten und suchendem Verstand ausgestattet. Mit diesen kreativen Fähigkeiten erfindet die Gattung Mensch aktiv immer wieder neue Kulturen, nicht nur, weil eine Kultur sich als unbefriedigend für das Überleben und gut Leben erweist, sondern auch aus Sehnsucht nach Besserem, aus Träumen und Fantasie.

 

Menschen können nicht so gut sehen wie ein Adler, nicht so gut riechen wie ein Spürhund, nicht so schnell laufen wie eine Antilope. In ihren Genen sind keine Baupläne für eine spezielle Art der Behausung programmiert, optimiert für die Umwelt, in der sie leben, wie beispielsweise bei Ameisen oder Mäusen. Gerade diese scheinbare Unvollkommenheit, dass Menschen keine speziellen Prägungen für eine bestimmte Umwelt haben, zwingt sie, ihre Umwelt durch technisches und kulturelles Schöpfertum (z.B. Werkzeuge, Sprache, Gesellschaftsform ...) für ihr Überleben und gut Leben selbst zu gestalten. Da verwundert es nicht, dass sich das menschliche Gehirn erst nach der Geburt im Detail ausformt und während des Lebens plastisch bleibt. Die Fähigkeit zu technischem und kulturellem Schöpfertum ist auch ein Grund dafür, dass Menschen in (fast) allen Umwelten überleben können, in der heißen Sahara ebenso wie im kalten Norden.

 

Tiere können das auch, aber in erster Linie durch genetische Anpassung. Kommt eine Eiszeit über die Steppe, so werden aus braunen Hasen, weiße. Der Mensch passt sich auch genetisch an, z.B. dunkle Haut bei viel Sonne, helle Haut bei wenig Sonne, da helle Haut leichter bei wenig Sonne das überlebenswichtige Vitamin D bilden kann. Aber in erster Linie passt der Mensch seine Umwelt an sich an. Dies erklärt vielleicht auch, dass sich Menschen über die Jahrtausende so wenig in ihrer äußeren und inneren Konstitution verändert haben, was so mancher beklagt, eben, weil sie Umwelt an sich anpassen können.

 

Durch Wissenschaft, technische und beispielsweise medizinische Erfindungen, Bildung, Arbeit, kulturellen Werten, Kunst, Literatur ... und Träumen von einem besseren Leben, wird der Mensch seinem Auftrag und seiner Spezialisierung als Schöpfergeschöpf und Kulturenbauer gerecht. Nichts anderes meinte vielleicht auch Luther: "Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen."

 

Selbst in Wohlstandsgesellschaften mit weitgehend sorglosem Rundumnetz, erfinden Menschen dauernd neue Moden, Güter, verändern ihre Werte. Schon im Kindergarten formen Kinder Knetfiguren und zerstören sie wieder und bauen Neue oder bei einem Urlaub am Meer, bauen Kinder Sandburgen.

 

"Im Einklang mit der Natur leben". "Möglichst wenige Ressourcen zu verbrauchen." Zeitweiliger Rückzug und Nachdenken darüber, ob der jetzige Weg des Schöpfertums der Richtige ist, das macht schon Sinn. Aber das menschliche Schöpfertum abstreifen zu wollen, sich nur an vorhandene Natur und vorhandene Kultur anpassen zu wollen, das widerspricht dem, wozu der Mensch eigentlich von der Evolution geschaffen wurde, ein Schöpferwesen zu sein.Die Kulturen, in denen vorwiegend Anpassung herrscht, an religiöse Gesetze oder alte Traditionen, sind meist Kulturen, in denen die Bevölkerung am Existenzminimum lebt.

 

Statt also seine Bestimmung anzunehmen, dass den Menschen ausmacht, ein Schöpfergeschöpf zu sein, hat der Zeitgeist Angst vor den Folgen des menschlichen Schöpfertum. Manche würden es am liebsten aufgeben. So wie früher eine zu große Euphorie für die Segnungen des technischen und kulturellen Fortschritts war, ist heute eine zu große Angst vor ihm.

 

Die Nachhaltigkeitsbewegung: Nachhaltiges Handeln ist schon gut, wenn es um vermeidbare Nachteile und Kosten für die zukünftige Generation und die Natur geht. Aber wissen wir, was von unseren guten Absichten in zwanzig oder mehr Jahren sich als gutes Ergebnis erweisen wird? Hätten sich die Nachhaltigkeits-Überzeugungen der 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts flächendeckend durchgesetzt, so wäre unsere Landschaft mit alten und ineffizienten Windrädern zugepflastert.

 

Der Vorsorgewahn von Gesundheitsfetischismus bis hin zu Kindern schon im Kindergarten möglichst viel Vorrats-Fertigkeiten für mögliche Wechselfälle des Lebens zukommen zu lassen.Nichts gegen Vorsorge und Unglücksvermeidung. Vorsorge war schon immer eine Botschaft aller Erziehung in allen Kulturen. Aber in der jetzigen Übertreibung entsteht die Gefahr, dass Menschen über alle Vorsorge die Fähigkeit verlieren, Risiken und nicht Vorhergesehenes zu bewältigen.

 

Die Lust an Unglückspropheten vom Ozonloch bis zu Europa wird islamisch ... Untergangspropheten hatten noch nie recht. Bisher sind weder die Menschheit ausgerottet worden noch ist die Welt untergegangen trotz größter Katastrophen wie Meteoritenenschläge und die Pest. Aber noch nie hatte der Mensch soviel Einfluss, wird man entgegenhalten. Aber als kreatives Schöpfergeschöpf kann der Mensch nicht nur zerstören sondern auch wieder heilen, wenn auch oft auf den letzten Drücker. Heilen kann man aber nicht durch Rückzug alleine. Es braucht auch die Ergänzung durch aktiven Erfindergeist und Schöpfertum, beispielsweise sowohl Energie einzusparen als auch Windräder zu erfinden.

 

Wenn der Mensch aber ein Schöpfergeschöpf ist, ist er dann auch ein gelungenes Schöpfergeschöpf?

 

Trotz aller Rückschläge, Grausamkeiten und Unvollkommenheit: Wir leben nicht mehr in der Steinzeit. Eine Serie der Zeitschrift "SPIEGEL": "Früher war alles schlechter". Warum gibt es viel weniger Säuglingssterblichkeit als früher. Viel weniger als früher sterben an Hunger, Menschen leben länger. War jemals in der Geschichte soviel Toleranz? Schutz der Natur und ihrer Bio-Diversität ist ein globales Thema.

 

Was würde geschehen, wenn Menschen und Kulturen das Selbstbewußtsein verlieren, dass trotz aller Irrtümer die Zukunft besser gestaltbar ist?
 

Schauen wir einige Träume nach dem zweiten Weltkrieg an, die Menschen zu Engagement getrieben haben, von dem wir immer noch profitieren: Erhards "Wohlstand für alle"; Befreiung von alten (Nazi-)Werten in der 68iger Bewegung; für alle Schichten ein durchlässiges Bildungswesen; Antiatomkraft-Bewegung; "Make love not war", die sexuelle Befreiung; Alice Schwarzers Emanzipationsbewegung; Ökologie als so großes Thema, dass hieraus eine neue Partei entstand.

 

Fragt man heute Menschen, welche Vorstellungen und Träume sie von einer Zukunft haben, die sie "vom Hocker reißen" würde, meist nichts als Schweigen. Wenn es Vorstellungen gibt, dann die von einer Verlängerung der Gegenwart mit Verbesserungen im Detail. Oder die Sehnsucht nach einem neuen (religiösen, politischen) Führer, der von den vielen Wahlmöglichkeiten (für die ja Generationen für ihre Kinder gekämpft haben) befreit, von der "ganzen Komplexität".

 

Wenn wir aber akzeptieren, dass wir als Gattung Mensch nicht anders können als gestaltende Schöpferwesen zu sein, dann verlagert sich die Frage: Auf welchen Gebieten wollen wir es sein? Wo Technik und Kultur verändern und weiterentwickeln?

 

Es zeichnen sich einige Gebiete ab:

 

Nach Benzin-Autos, Infrastruktur, Smartphones ..., also Technik und Gütern und materielles Sozialprodukt, der Mensch selbst und seine sozialen Beziehungen als Gegenstand seines Schöpfertums: Warum sind soziale Berufe von der Kindergärtnerin bis zum Altenpfleger so unterbezahlt? Sollen wir an einer Care Ökonomie bauen?

Einsamkeit nimmt zu. Welche neuen Formen des Zusammenlebens kann es geben, ergänzend zum Single- und Familienhaushalt?

 

Wieso ist Erwerbsarbeit nur einzig sinnvolle Arbeit? Ist man als Vater und Mutter und als Ehrenamtlicher nicht auch nützlich für die anderen? Wie könnte eine Gesellschaft jenseits der Erwerbsarbeit aussehen, wenn "Roboter" zunehmend Produktion und Dienstleistungen erbringen? Kann man nicht nur menschliche Arbeitnehmer sondern auch maschinelle Arbeitübernehmer mit einer Lohnsteuer belegen? Aus ihr ein Grundeinkommen finanzieren?

 

Ist die heutige Form der Demokratie der Weisheit letzter Schluss, alternativlos? Welche neuen Staatsformen kann es geben, in der alle Bürger ihre Meinung und ihre Sehnsüchte einbringen können?

  

Tun sich in Silicon Valley bisher nicht gekannte neue Diktatoren auf, die nicht mehr mit Volks-Stolz oder religiösen Kreuzzügen verführen, sondern einfach mit Bequemlichkeit und Dienstleistung regieren?

 

 Die Wahl ist nicht, ob wir Schöpferwesen sein wollen, sondern die Wahl ist: Auf welchen Gebieten! Der Mensch kann als schöpferischer Kulturenbauer Gutes und Böses bewirken wie ein Hammer, der Nägel für ein schönes Bild einschlagen kann aber auch einen Schädel zertrümmern. Aber, wenn der Hammer nicht mehr Hammer sein wollte? Wozu wäre er dann noch gut? Stellen wir uns also unserer Verantwortung als Schöpfergeschöpf.

 

 

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PS: Meistens sind in Talkshows oder bei Future-Tanks diejenigen wortführend, die heute erfolgreich sind. Man traut ihnen besondere Kompetenz für erfolgreiche Aussagen zur Zukunft zu.

Nur, die heute Erfolgreichen sind besonders gut für das Heute optimiert. Wenn Zukunft etwas mit Veränderung zu tun hat, woher sollten sie ausgerechnet qualifiziert sein für die Veränderung und ihrer Prognose? Weil sie auf ihrem Gebiet über besonders großes Wissen verfügen? Aber morgen wird ein anderen Wissen erforderlich sein.

Egal ob Darwin, Martin Luther oder Gandhi, in der Geschichte gehörten oft die Zukunftsmacher nicht der herrschenden (Wissens-)Klasse an. Auch Jesus war kein Hohepriester.

 

Es sollte mehr ver-rückte Veranstaltungen geben, in denen Querdenkern,  "Spinnern" und Sehnsuchts-Träumern mehr Platz eingeräumt wird.

Im digitalen Bereich gibt es das schon. Jedes große Unternehmen hält sich heute seine Startups, die an keine schnelle Verwertungsvorgaben gebunden sind. Auch im Wissenschaftsbereich gibt es das in Form der Grundlagenforschung.

 

Auflockerungs"-Übungen für andere und neue Ideen:

 

1) Bau eine Runde mit konträren Meinungen und Sehnsüchten. Jeder hat fünf Minuten für sein Statement. Danach wechseln die Beteiligten ihre Rolle: Wer Meinung A vertritt, plädiert jetzt selbst für die konträre Meinung von B. Beispielsweise: A sagt: Gentechnik ist scheiße aus den und den Gründen. B sagt: Gentechnik ist gut aus den und den Gründen. Nun übernimmt A die Position von B und plädiert mit weiteren Argumenten für Gentechnik und umgekehrt. Je schwerer es fällt, für die Argumente des anderen zu plädieren, umso besser!

 

 2) Goethes Mephisto: "Das Böse, das das Gute schafft." Finde Beispiele.

Umgekehrt: "Das Gute, das das Böse schafft." Finde Beispiele.

 

3) Zukunft gestalten, Orientierung dabei: Der größte Engpass im Jetzt. Die größte Chance. Was ist der größte Engpass, die größte Chance?

 

4) Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, bei der vorwiegend die positiven und guten Seiten der Menschen angesprochen/aktiviert/gebraucht werden?

 

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Fantasie (was ist vorstellbar?),Träume (was wäre schön?), Werte (was soll sein?) und Verstand (wie könnte es funktionieren?) - vielleicht können diese Vier die Eckpfeiler einer neuen Zukunft sein. 

 

Verlag noch gesucht.

 

 
 

 Anregungen und Kritik: saiger@web.de